Was ist ein Pivot?
Ein Pivot (englisch: Drehpunkt) beschreibt eine fundamentale strategische Kursänderung eines Unternehmens. Der Begriff wurde von Eric Ries in der Lean-Startup-Methode geprägt und beschreibt den Moment, in dem ein Unternehmen erkennt, dass die aktuelle Strategie nicht zum Product-Market Fit führt – und eine neue Richtung einschlägt.
Entscheidend: Ein Pivot ist keine Panik-Reaktion, sondern eine datenbasierte Entscheidung. Das Unternehmen behält oft einen Teil der bisherigen Erkenntnisse bei (Technologie, Team, Kundenwissen) und verändert gezielt die Elemente, die nicht funktionieren. Ein Pivot unterscheidet sich damit von einem kompletten Neustart.
Arten von Pivots
Eric Ries identifiziert verschiedene Pivot-Typen, die sich auf unterschiedliche Elemente des Geschäftsmodells beziehen:
- Zoom-in Pivot: Ein Feature des Produkts wird zum eigenständigen Produkt – häufig, wenn ein Nebenmerkmal mehr Resonanz erzeugt als das Kernprodukt
- Zoom-out Pivot: Das Produkt wird zu einem Feature eines größeren Produkts – Erweiterung des Umfangs
- Customer Segment Pivot: Das Produkt löst ein Problem – aber für eine andere Zielgruppe als ursprünglich gedacht
- Customer Need Pivot: Die Zielgruppe stimmt, aber das gelöste Problem ist ein anderes als angenommen – basierend auf Jobs-to-be-Done-Erkenntnissen
- Platform Pivot: Von einer Anwendung zu einer Plattform oder umgekehrt
- Business Architecture Pivot: Wechsel zwischen B2B und B2C, zwischen High-Margin/Low-Volume und Low-Margin/High-Volume
- Revenue Model Pivot: Änderung des Erlösmodells – z. B. von Einmalverkauf zu Subscription
- Channel Pivot: Wechsel des Vertriebskanals – z. B. von Direktvertrieb zu Online oder Partnernetzwerk
- Technology Pivot: Gleiche Lösung, aber auf Basis einer anderen Technologie
Wann ist ein Pivot nötig?
Typische Signale, dass ein Pivot überlegt werden sollte:
- Kein Product-Market Fit: Trotz mehrerer Iterationen kaufen oder nutzen Kunden das Produkt nicht dauerhaft
- Falsche Zielgruppe reagiert: Andere Kunden als geplant zeigen Interesse – ein Signal für einen Customer Segment Pivot
- Einzelnes Feature dominiert: Nutzer verwenden nur einen kleinen Teil des Produkts – Zoom-in-Potenzial
- Monetarisierung scheitert: Das Produkt wird genutzt, aber die Pricing-Strategie funktioniert nicht
- Marktveränderung: Disruptive Innovationen oder neue Wettbewerber verändern die Spielregeln
- Burn-Rate zu hoch: Die Kosten übersteigen die Einnahmen ohne erkennbare Trendwende
Die Build-Measure-Learn-Schleife liefert die Daten für diese Entscheidung. Ein systematischer Innovationsprozess hilft, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen.
Pivot durchführen: Schritt für Schritt
- Daten analysieren: Was funktioniert, was nicht? Kundenfeedback, Nutzungsdaten und SWOT-Analyse auswerten
- Hypothese formulieren: Was genau ändern wir – und warum glauben wir, dass die neue Richtung besser funktioniert?
- Assets bewahren: Welche Erkenntnisse, Technologien, Kundenbeziehungen und Kompetenzen können wir mitnehmen?
- Neues Modell designen: Business Model Canvas und Value Proposition Design für die neue Richtung erstellen
- MVP bauen: Schnell einen neuen Prototyp erstellen und mit dem Lean-Startup-Ansatz validieren
- Stakeholder mitnehmen: Team, Investoren und Partner über die Kursänderung informieren und überzeugen
- Iterieren: Auch nach dem Pivot gilt: messen, lernen, anpassen
Bekannte Pivot-Beispiele
- Slack: Startete als Gaming-Unternehmen Tiny Speck – das interne Kommunikationstool wurde zum Milliarden-Produkt (Zoom-in Pivot)
- Instagram: Begann als Location-Check-in-App Burbn – der Foto-Filter wurde zum Kern (Zoom-in Pivot)
- Netflix: Vom DVD-Versand zum Streaming – und weiter zum Content-Produzenten (Technology + Business Architecture Pivot)
- Shopify: Startete als Online-Shop für Snowboards – die E-Commerce-Software wurde zur Plattform (Platform Pivot)
- Twitter: Entstand als Podcast-Plattform Odeo – der Kurznachrichtendienst war ursprünglich ein Nebenprojekt
Diese Beispiele zeigen: Erfolgreiche Pivots basieren auf echten Markterkenntnissen, nicht auf Wunschdenken.
Typische Fehler beim Pivotieren
- Zu lange warten: An einer nicht funktionierenden Strategie festhalten, weil man „schon so viel investiert hat“ (Sunk Cost Fallacy)
- Zu schnell pivotieren: Kursänderung, bevor genug Daten vorliegen – nicht jedes negative Signal erfordert einen Pivot
- Zu viel ändern: Ein guter Pivot verändert gezielt ein Element – nicht alles gleichzeitig
- Ohne Daten entscheiden: Pivots aus dem Bauchgefühl statt basierend auf Kundenvalidierung
- Team nicht einbinden: Ein Pivot ohne Teamkommunikation führt zu Verunsicherung und Fluktuation
- Erkenntnisse verwerfen: Die bisherigen Learnings sind wertvoll – ein Pivot sollte darauf aufbauen
Wir unterstützen Sie mit datenbasierter Analyse und strategischer Begleitung – für eine Kursänderung mit Substanz.
Häufige Fragen zum Pivot
Ist ein Pivot ein Zeichen des Scheiterns?
Nein – ein Pivot ist ein Zeichen von Lernfähigkeit. Die meisten erfolgreichen Startups haben mindestens einmal pivotiert. In der Lean-Startup-Philosophie ist der Pivot ein erwarteter Teil des Prozesses: Hypothesen testen, lernen und anpassen. Scheitern wäre, an einer nicht funktionierenden Strategie festzuhalten.
Wie weiß ich, ob ich pivotieren oder durchhalten soll?
Fragen Sie sich: Lernen wir noch dazu, oder drehen wir uns im Kreis? Gibt es positive Signale aus dem Markt, die Hoffnung rechtfertigen? Haben wir genug verschiedene Ansätze getestet? Wenn die Daten konsistent zeigen, dass die aktuelle Richtung nicht funktioniert, ist es Zeit für einen Pivot.
Können auch etablierte Unternehmen pivotieren?
Ja – auch wenn es dort eher als strategische Neuausrichtung oder Geschäftsmodell-Transformation bezeichnet wird. Beispiele: Adobe (von Softwarelizenz zu SaaS), Microsoft (von Windows-Fokus zu Cloud-First), Fujifilm (von Film zu Kosmetik und Medizintechnik). Der Prozess erfordert intensives Change Management.
Wie kommuniziere ich einen Pivot an Investoren?
Transparent und datenbasiert: Zeigen Sie, welche Erkenntnisse den Pivot begründen, was Sie gelernt haben und warum die neue Richtung vielversprechender ist. Investoren respektieren datengetriebene Entscheidungen. Ein gutes Pitch Deck für die neue Richtung stärkt das Vertrauen.